Aufruf zur Teilnahme an der Strategiekonferenz 2016

In der radikalen Linken werden im deutschsprachigen Raum zur Zeit wichtige Debatten zum Umgang mit dem Erstarken rechter Kräfte, mit dem Vormarsch des Neoliberalismus und einer linksradikalen (Gegen-)Strategie geführt. Auch in Münster findet diese wichtige Diskussion in verschiedenen Gruppen und Projekten, bei Veranstaltungen und natürlich auch in gemütlichen Runden statt. Leider entstanden hieraus bisher kaum öffentliche Beiträge, sodass die Debatte unkonkret vor sich hin plätschert. Wir möchten uns dem Text „…wir müssen reden“ anschließen, der letzten Sommer veröffentlicht wurde und zu einem „Diskurs über die Perspektiven linksradikaler Politik in Münster“ aufgerufen hat. Deshalb laden wir zum 19. und 20. November zur „Lasst uns reden!“ Strategiekonferenz in Münster ein. Dort möchten wir über die aktuelle Situation der radikalen Linken in Münster, ihre Ziele und Strategien diskutieren – warum wir das für wichtig erachten, wollen wir im Folgenden kurz darlegen.

Das Ziel einer radikalen Linken ist in unserem Verständnis die Veränderung der Gesellschaft hin zu einer frei von Ausbeutung und Unterdrückung, in der Menschen selbstbestimmt und solidarisch in Gemeinschaft leben können. Viele würden vermutlich bis hierhin zustimmen. In Bezug auf die konkrete und langfristige Umsetzung eines gesellschaftlichen Wandels gibt es jedoch weit auseinander klaffende Vorstellungen – oft sogar gar keine.
Wir sind der Überzeugung, dass eine Veränderung der Gesellschaft nur aus und mit der Gesellschaft erreicht werden kann. Revolution bedeutet nicht, einen „Kampf gegen die Gesellschaft“ zu führen, sondern sich auf einen langen revolutionären Prozess einzulassen, in dem wir immer wieder unsere aktuelle Politik mit unseren Zielen abgleichen und nötigenfalls ändern müssen. Die aktuelle linksradikale Praxis wird nicht zu der gewünschten Veränderung führen. Die radikale Linke in der BRD ist kaum mehr in der Lage, konkrete (praktische) Antworten auf die sich verschärfenden Probleme der Menschen zu liefern. Vermeintliche Krisenlösungen von rechts erhalten gleichzeitig mehr und mehr Zulauf. „Linksradikal“ oder gar „revolutionär“ zu sein verkommt zunehmend zu einer subkulturellen Selbstbezeichnung und Zugehörigkeit zu einer Szene, die sich gesellschaftlich weiter marginalisiert und an Relevanz verliert. Auf der einen Seite fehlt der Kontakt zu großen Teilen der Gesellschaft, auf der anderen Seite fehlt eine Bestimmung der eigenen Involviertheit in das neoliberale System. Anstatt sich gemeinsam zu organisieren, betreiben wir oft nur „Feierabendpolitik“* und führen Abwehrkämpfe: Wir organisieren oft etwas, aber nicht uns selbst.

Trotz all dieser Kritik wenden wir uns mit der Strategiekonferenz an die radikale Linke. Denn diese hat durchaus gemeinsame Werte und Vorstellungen von einem besseren, herrschaftsfreien Zusammenleben. Jedoch fehlt es noch an einer gemeinsamen Strategie, um diese in die Gesellschaft zu tragen und relevant zu machen. Auch wenn es durchaus bereits in Teilen der radikalen Linken ein Bewusstsein darüber gibt, dass sich etwas an der gängigen Praxis ändern muss, wird der Bruch mit dieser noch kaum vollzogen. Um diesen Bruch vollziehen zu können und eine Strategie zu entwickeln, müssen wir uns zusammensetzen und über gesellschaftliche Prozesse, gesellschaftlichen Wandel und Organisierung diskutieren – hierfür soll die Konferenz ein erster Schritt sein.

Es ist eine gemeinsame Strategie nötig, um die radikale Linke aus ihrer Ohnmacht zu befreien und langfristig sowie nachhaltig politisch Aktiv sein zu können. Mit unseren Aktionen reagieren wir häufig nur auf staatliche Politik oder führen Abwehrkämpfe gegen Nazis, Sexist*innen, usw. Unsere Kämpfe sind in erster Linie von Rückschlägen und einem gefühlten Scheitern geprägt, die kräftezehrend sind und nicht zuletzt auch uns persönlich kaputt machen, sodass viele revolutionäre Politik wieder hinter sich zu lassen. Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen, wenn die radikale Linke nicht an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt und eine praktische Alternative zu dem Bestehenden aufzeigen kann, die für mehr als nur die eigene Szene attraktiv ist. Wir wollen uns deshalb auf einen gemeinsamen Suchprozess begeben und kollektive Antworten diskutieren. Dabei können wir viel aus bisherigen Bewegungen und Kämpfen lernen – wir fangen keinesfalls bei null an.

Die Konferenz hat ausserdem zum Ziel wieder eine gemeinsame Streit- und Diskussionskultur in Münster zu schaffen. Im letzten Jahr ist viel passiert: Demos, Besetzungen, Kampagnen, Polit-Camps…Viel Bewegung sorgt auch für viele Auseinandersetzungen innerhalb der Szene, zum Teil für Konflikte. Leider finden jedoch Diskussionen und Debatten um einzelne Aktionen, Theorien und Reflektionen vermehrt in kleinen Bezugsgruppen statt, vielleicht auch weil es in Münster an einem gemeinsamen Raum für eben jene Debatten fehlt. Wir sehen die Gefahr, dass so bestehende Spaltungen weiter verfestigt werden und die Vereinzelung innerhalb der radikalen Linken weiter befördert wird. Aber auch eine gemeinsame Diskussionskultur, in der einzelne Meinungen nicht tabuisiert werden, muss erlernt werden. Wir verstehen die Strategiekonferenz als einen Ort, an dem wir damit anfangen können.

Wir haben jedenfalls große Lust die hier skizzierten Thesen, Gedanken und Ideen mit euch zu diskutieren, weiter auszuführen und an einer gemeinsamen Theorie, Organisation und Praxis zu arbeiten und uns auf einen langen jedoch nachhaltigen Prozess der Veränderung einzulassen. Lasst uns am Wochenende vom 19./20. November damit anfangen.
LASST UNS REDEN!

 

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*Feierabendpolitik
Mit Feierabendpolitik meinen wir die Trennung vom Alltag (arbeiten/ studieren) und Aktivismus mit der Folge, das wir uns nicht in den Feldern organisieren in denen wir betroffen sind oder Leben, sondern abgekoppelt davon Politik machen. Dies mag für verschiedenen Kämpfe wichtig sein, meist wird dadurch jedoch das eigene Leben als unpolitisch vom Aktivismus ausgeklammert.

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